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Begonnen hat alles in einer grauen polnischen Betonbausiedlung, ca. 1976, als Marius sechsjährig, mit Gummistollen-Kickschuhen bewaffnet, Fußball unter einem Arm und 5 Zloty in der Hand, vor einen dieser trostlosen quadratischen polnischen Kioske trat und sein Blick zum ersten Mal auf eine Ausgabe von "Tytus, Romek i A'Tomek" fiel.
Das war ein singuläres Ereignis in seinem Leben, denn, wie den Insidern der florierenden polnischen Comicszene bekannt sein dürfte, waren dies so ziemlich die einzigen bunten Bilder, die es damals in solche quadratischen Kioske schafften. Der Comic war ziemlich simpel gezeichnet, das Papier sah schon vor dem Verkauf gelb aus, aber der Autor war ein Meister seines Faches und das Teil schlug Marius derart in seinen Bann, dass er im folgenden sein gesamtes Privatleben umkrempeln musste (er spielte ab jetzt nur noch 14 statt 16 Stunden am Tag Fußball zwischen den Mülltonnen, der Rest ging ab jetzt für die Comiclektüre drauf)
Ein paar Jahre später kam dann die Pubertät und wahrscheinlich hormonell bedingt fing er an, Bücher zu lesen. Der Comicnachschub stockte ein bisschen (Es gab manchmal jahrelang keine neue Folge von "Tytus, Romek i A'tomek", so dass die Comics weitgehend in den Hintergrund traten.
Dann, mit 12, kam der Umzug nach Deutschland und sein erster Tankstellenbesuch an der Grenze (ziemlich bunte quadratische Kioske) bescherte ihm einen Schock. Die hatten Superman, Batman, Donald Duck und den ganzen Stoff, den er nur vom Hörensagen kannte, und von dem er nie gedacht hätte, dass er wirklich existiert. Er betete zu Gott und dankte ihm, dann fiel er einfach in Ohnmacht. Nach der Wiederbelebung seiner alten Leidenschaft (erster mit offenem Mund gelesener Comic war damals Batman), wurde er zum Entenhausen-Süchtigen, wie ihn die westliche Welt so noch nie erlebt hatte. Er spielte zwar noch Fußball, aber nur noch ca 8 std am Tag, da es nicht genügend Zeit gab, sich den Shit sonst reinzuziehen, und die Tankstellen waren jahrelang nicht mehr vor ihm sicher. Comics wurden PAKETWEISE nach Hause geschleppt, gelesen, nachgezeichnet, umgezeichnet, neugetextet und wenn das nicht genug war, wurden welche selber ausgedacht und gezeichnet, bis kein Papier mehr übrig blieb.
In diesem Zustand verbrachte er dann mehrere Jahre (6 Std Fussball, 8 Std Comics, 4 Std Schule)
Dann kam irgendwann mal die Frage auf, Marius, was soll aus dir mal werden?
Damit bombardierten ihn die Lehrer immer öfter und die Antwort "Fußballprofi" hörte sich von Jahr zu Jahr bescheuerter an, also wurde von den Lehrern "Plan B" für Marius ausgetüftelt. Da er sich bekanntermaßen Null für den Unterricht in der Hauptschule interessierte, wurde seinen Trieben nachgegeben, und er durfte fortan anstatt des Unterrichts Bilder und Comics vom Schulgeschehen aufmalen. Die Idee der Lehrer war die: wenn er schon kein Bock auf andere Sachen hat, dann treiben wird ihm die Flausen mit dem Fußball aus und wählen das kleinere Übel: wir machen aus ihm nen Grafik-Designer! Er macht nach der Schule sone Lehre und gut is! Obwohl er noch nie 5 Minuten am Stück aufgepasst hat, gemalt hat er immer, Grafikdesigner, das muss doch zu schaffen sein! Die tun doch den ganzen Tag fast nix, außer malen!
Doch es lief anders als geplant. Nach einem kurzen Praktikum bei einer Werbeagentur, wo er hauptsächlich blaue Männlein in einer Kühltruhe zwischen Käse und Butter malen musste, entschied Marius, dass das doch nicht seine Welt war. Er verfiel wieder der Welt der Bücher, schloss ein paar weiterführende Schulen ab, machte sein Abi nach und schrieb sich letztendlich an der Tübinger Uni im Fach Informatik ein. An der Uni wurde dann sein Gehirn immer mehr in Richtung Zahlenwelt formatiert, so dass er bald aufhörte, sich mit Comics zu befassen - Verhältnis zu der Zeit: 6 Std Fußball, 3 Stunden lernen, etwas Lucky Luke lesen, aber auch Lucky Luke wurde irgendwann fallengelassen und schließlich war er kurz vor dem Vordiplom zum vollfunktionierenden Mitglied unserer Gesellschaft geworden. Keine Comics mehr.
In diesem Zustand vergingen dann mehrere Jahre.
Eines Tages, fast zwanzig Jahre nach dem Ereignis am polnischen Kiosk geschah wieder eine Singularität. Es war ein heißer Tag , die Luft roch Studentenkotze-aromatisch, und die Vögel begrüßten singend den Anfang des Sommersemesters, als er in seinen Kickschuhen die Treppe zum Studentenwohnheim seiner Schwester hochstieg. Als er im Zimmer seiner Schwester war, sah er ein paar einfach bekritzelte Blätter an der Wand hängen. Offenbar nichts besonderes. Trotzdem konnte er nicht anders, als sie sich anzugucken.
"Anna, was'n das?"
"'Ah das sind nur ein paar Comics. Ich weiß, ich weiß, ich sollte nicht..."
"Uh? Schwarz-Weiß? So einfach gezeichnet? Von wem sind die denn?"
"Ah der Typ heißt Walter Moers, das Zeug heißt Schweinewelt, keine Ahnung, hab die Bilder aufgehängt weil die lustig waren" (entschuldigender Blick)
Marius ging dann näher an die Wand heran und ... LAS. Er stand da, sein Muskeltonus immer steifer werdend. Die Augen immer weiter aufgerissen, die Härchen an den Armen immer mehr aufgerichtet las er sich in seinen Kickschuhen die "Schweinewelt" von Walter Moers Blatt für Blatt durch.... irgendwann taten sich in Marius Hirn Schwarze Löcher auf und Atome wurden gespalten er wollte das ganze Machwerk haben... In diesem Moment stand fest: er ist wieder bekehrt......
Seitdem liest er wieder Comics und zeichnet wieder. Meistens für die Schublade. Das weitere Leben verlief dann nach dem Motto: noch mehr Studium (Mathe), noch mehr Fußball (2 Bänderrisse) und ungefähr 5000 Seiten Comics, die aber nie veröffentlicht wurden ... In letzter Zeit plant er, das eine oder andere Blatt im Internet unter die Leute zu bringen.
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